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SZ: Karin E* – Siegburg

Die SZ berichtete am 11.12.2015 über Karin E.. und ihr Kind. Der Name wurde von der SZ jedoch verfremdet.

Fall 2) Karin E.*, Siegburg — Mutter von Claudia*, 16: Der Klassenlehrer hatte Claudia und mich offensichtlich auf dem Kieker: Claudia war von drei Jungs vor den Schulbus geschubst worden, ich berichtete ihm davon. Statt die Jungs zur Rechenschaft zu ziehen, beschwerte er sich, dass ich Claudia nun mit dem Auto zur Schule brachte. Sie müsse selbstständiger werden. Außerdem sei sie zu dick, sie solle sich mehr bewegen und gesünder essen. Er mobbte sie wiederholt vor der ganzen Klasse, und zog auch über mich vor der Klasse her, weil ich mich wiederholt bei ihm beschwert hatte. Dabei hatte Claudia gute Noten, vor allem in Englisch, in Mathe war sie sogar die Klassenbeste. Ich wandte mich an die Direktorin. Sie sagte: Mobbing gibt es nicht an unserer Schule. Immer öfter hatte Claudia starke Bauchschmerzen, wenn sie zur Schule ging, ihre Fehlzeiten häuften sich, wir waren oft beim Arzt.

Ich war damals selbstständig und privat versichert. Als die Geschäfte schlecht liefen, wollte ich in die gesetzliche Versicherung, wurde aber zunächst nicht aufgenommen. Deshalb zahlte ich die ärztliche Versorgung von Claudia privat, was auch keine nennenswerten Probleme verursachte. Als jedoch die Direktorin davon erfuhr, schaltete sie das Jugendamt ein. Sie erzählte den Mitarbeitern auch, Claudia werde immer unförmiger und dicker.
Das Jugendamt beanstandete, Claudia sei zu unselbstständig und habe zu hohe Fehlzeiten in der Schule. Ich solle Erziehungshilfen annehmen. Dass Claudia in der Schule gemobbt wurde, hat die Sachbearbeiterin nicht interessiert. Ich lehnte die Erziehungshilfe ab, weil ich schon eine andere Tochter allein großgezogen hatte, die heute als Anwaltsgehilfin arbeitet. Gut, dann sehen wir uns vor Gericht, sagte die Frau vom Jugendamt.

Im Juli 2013 erhielten wir die Ladung. Je näher der Termin rückte, umso schlechter ging es Claudia. Sie hatte noch nie vor Gericht ausgesagt, außerdem hatte sie Angst, nach längerer Zeit wieder ihren Vater zu sehen, der auch vorgeladen war. Er hatte uns vor Jahren massiv bedrängt und gestalkt, deshalb war ihm gerichtlich verboten worden, sich uns zu nähern. Ich ging einen Tag vor dem Termin zur Richterin und bat um einen separaten Termin für Claudia, ohne Vater. Die Richterin sagte, das komme nicht in Frage, und setzte das Näherungsverbot einfach außer Kraft. Ich sagte, eine Richterin, die sich so wenig um das Wohl eines Kindes schert, akzeptiere ich nicht. Ich reichte einen Befangenheitsantrag ein.

Der Termin kam tatsächlich nicht zustande, aber das Jugendamt hatte längst beschlossen, mir Claudia wegzunehmen. Es wurde ein neuer Termin angesetzt. Die Richterin fragte, warum ich keine Krankenversicherung habe. Ich sagte, die würde monatlich 1300 Euro kosten, das könne ich mir im Moment nicht leisten. Die Richterin sagte, Claudia sei oft unentschuldigt dem Unterricht ferngeblieben. Ich entgegnete, das sei nicht wahr: Ich hatte der Schule jedesmal ein ärztliches Attest vorgelegt. Die Richterin winkte ab und sagte, die Fehlzeiten meiner Tochter seien zu hoch. Ob ich damit einverstanden sei, dass sie jetzt vom Jugendamt untersucht wird. Als ich ablehnte, sagte die Richterin: Gut, dann entziehen wir Ihnen das Sorgerecht. Ich war perplex. In der Ladung war vom Sorgerecht keine Rede gewesen, deshalb hatte ich mir auch keinen Anwalt genommen. Aber die Entscheidung war eh schon vorher gefallen. Die Richterin brachte den fertigen Beschluss bereits zur Verhandlung mit, und noch bevor sie ihn verlas, tauchten zwei Mitarbeiter des Jugendamts in der Schule auf, um meine Tochter mitzunehmen.

Meine Tochter wurde eine Woche in einer Klinik zwangsuntersucht. Dann kam sie in eine Pflegefamilie. Sie hatte während dieser Zeit absolutes Kontaktverbot; ich wusste nicht, wo sie ist. Sie durfte weder mich anrufen noch ihren heißgeliebten Großvater, der in dieser Zeit Geburtstag hatte. Am 2. Dezember gab es dann ein Gespräch beim Jugendamt, ein Jugendhilfeplangespräch. Als Claudia mich sah, brach sie zusammen. Es ging ihr elend. Ich erfuhr, dass sie fünfzig Kilometer von ihrem Zuhause in einer Pflegefamilie untergebracht war. Dort sollte sie dauerhaft bleiben, damit sie die Möglichkeit habe, sich selber zu entfalten, wie das Jugendamt es ausdrückte. Sie wohnte nun zwei Stunden entfernt von ihrer Schule. Weil sich der Bus im Winter oft verspätete, erwog das Jugendamt, dass Claudia erst zur zweiten Unterrichtsstunde erscheinen müsse. Und das, nachdem man mir vorgeworfen hatte, meine Tochter habe so hohe Fehlzeiten in der Schule!
Obwohl die Untersuchung in der Klinik ergeben hatte, dass Claudia psychisch und physisch gesund sei und keine Kindeswohlgefährdung vorliege, bestand das Jugendamt darauf, dass Claudia in der Pflegefamilie bleibt. An diesem Gespräch nahm auch Claudia teil. Sie sagte immer wieder, dass sie zurück zu ihrer Mutter will. Sie klammerte sich an mir fest und weinte unentwegt. Die Mitarbeiter des Jugendamts forderten mich auf zu gehen und drohten mit der Polizei. Ich hörte Claudia noch schreien, nachdem ich den Raum verlassen hatte. Zu Hause klingelte dann das Telefon: das Jugendamt. Ich könne Claudia nun doch zu mir nehmen.
Claudia hatte von ihrem neuen Leben in der Pflegefamilie heimlich Fotos gemacht. Ihr Zimmer lag im Keller und war mit Fliesenboden, einem Bett und einem Fernseher ausgestattet, die Fenster waren vergittert. Es befanden sich noch zwei weitere Pflegekinder im Keller, zum Wohnbereich der Familie selbst hatten sie keinen Zutritt, der Pflegevater wollte ungestört bleiben. Die Matratze in Claudias Zimmer hatte Blutflecken, eine andere Matratze war an der Unterseite angekokelt. Das Schloss in der Zimmertür war halb herausgebrochen. Diese Bilder haben uns gerettet, als das Gericht mir im Frühjahr 2014 erneut das Sorgerecht entziehen wollte. Die Richterin war sichtlich schockiert und ich bekam das Sorgerecht und das Aufenthaltbestimmungsrecht für meine Tochter zurück. Fürs Erste jedenfalls.

Das Gericht ordnete nun an, dass Claudia psychiatrisch untersucht werden müsse wegen ihrer hohen Fehlzeiten in der Schule. Auch eine Therapie wurde erwogen. Aber als die Therapeutin Claudia gleich zu Beginn fragte, warum sie ihren Vater nicht sehen wolle, er sei doch ein Teil von ihr, sie solle nicht so negativ über ihn sprechen – da war Claudias Vertrauen dahin. Claudia sagte zudem, sie wünsche nicht, dass das Jugendamt den Inhalt der Gespräche mit meiner Tochter erfährt. Darüber war die Therapeutin sehr entrüstet.

Später habe ich erfahren, dass die Therapeutin auch mir eine Diagnose gestellt hatte – obwohl sie mich nie untersucht hatte. Sie behauptete, ich leide unter einer wahnhaften und psychotischen Störung. Sie empfahl deshalb, Claudia von mir zu trennen. Als ich das erfuhr, habe ich sofort einen Sachverständigen gesucht, um das Gutachten zu prüfen. Ein Professor für Psychologie bestätigte, das Gutachten sei völlig haltlos. Er sprach sogar von staatlicher Kindeswohlgefährdung, weil das Jugendamt Claudia und mich seit fast zwei Jahren verfolgte. Claudia war wirklich völlig verängstigt. Ständig rechnete sie damit, wieder in der Schule vom Jugendamt abgeholt zu werden.

Alle Versuche, Claudia vor dem Zugriff des Jugendamts zu schützen, waren schließlich vergebens: Am 13. Mai 2015 rückten zwei Jugendamtsmitarbeiter, ein Gerichtsvollzieher, zwei Security-Leute und zwei Polizisten bei uns zu Hause an, am Morgen um sieben. Der Gerichtsvollzieher rannte in die Wohnung und hielt Claudia den richterlichen Beschluss unter die Nase. Er bezog sich auf das hanebüchene Gutachten, das mir zum einen wahnhafte Störungen unterstellte, zum anderen hieß es, ich hätte keine Krankenversicherung – obwohl ich längst wieder eine hatte. Die Polizisten zerrten Claudia an den Armen aus dem Haus zu einem Transporter und drückten ihren Kopf nach unten, so wie man das in Fernsehkrimis sieht.

Claudia war damals 15. Sie wurde weggefahren, und ich habe sechs Wochen lang nicht erfahren, wo sie war. Erst nach zweieinhalb Monaten durfte ich mit ihr am Telefon sprechen. Sie war in einem Heim in Sachsen-Anhalt und weinte die ganze Zeit. Da ich weiter das Sorgerecht hatte, beschloss ich, sie da rauszuholen.

Wir erfuhren, dass Claudia und die anderen Heimbewohner einen Ausflug in den Heidepark Soltau unternahmen. Ich pos-tierte mich am Eingang, ein Freund stand am Auto bereit. Als ich Claudia sah, rief ich ihr zu: Lauf zu dem Auto! Sie rannte los, aber ein Betreuer bekam das mit und rannte ebenfalls zum Auto. Claudia sprang auf den Rücksitz, ich auch. Aber dem Betreuer gelang es, den Autoschlüssel abzuziehen. Ein herbeigerufener Polizist forderte Claudia und mich auf auszusteigen. Als wir uns weigerten, fasste er durch das Fenster in den Wagen, packte mich sehr unsanft am Arm und verdrehte ihn. Claudia protestierte: Lassen Sie meine Mutter! Der Polizist sagte: Erst, wenn du aussteigst. Er sagte, er habe den Richter angerufen und sich absegnen lassen, dass er gegen mich und Claudia Gewalt anwenden darf. Da stieg Claudia aus. Ich bekam eine Anzeige wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt.

Einige Wochen später fuhren wir zu Claudias Schule. Es war sieben Uhr früh, ich postierte mich hinter einem Baum. Eine Frau kam auf mich zu, sie stellte sich als Leiterin des Heims vor und sagte, ich solle verschwinden. Claudia gehe es gut im Heim, nur wenn sie mit mir spreche, gehe es ihr schlecht. Ich sagte, ich wisse, dass es Claudia schlecht geht. Außerdem würde ich den Beschluss des Gerichts nicht akzeptieren, und ich sei immer noch die sorgeberechtigte Mutter. Sie drohte, wenn ich nicht aufhören würde, käme Claudia in die Psychiatrie. Dann verschwand sie in der Schule. Kurz darauf kam Claudia aus einer Seitenstraße spaziert. Sie sah mich und stürmte sofort auf mein Auto zu. Die Heimleiterin rief noch, Claudia, steig nicht ein! Aber sie stieg ein, und wir fuhren davon. Es war wie im Krimi, wir brachten sie an einen sicheren Ort, wo sie seitdem lebt.

Sie ist jetzt sechzehneinhalb und würde gern die Schule abschließen, sobald sie wieder zu Hause leben darf. Aber vor Kurzem erließ die Richterin einen Beschluss, dass sie jederzeit festgesetzt werden kann, auch unter Anwendung von Gewalt. Seitdem habe ich große Angst, dass Claudia vom Jugendamt ins Ausland verschleppt wird. Hier im Rhein-Sieg-Kreis ist alles möglich: Neulich hat unser Jugendamt einen 13-Jährigen bei einer Familie in Kirgisistan untergebracht. In den Zeitungs-berichten über den Fall hieß es, das Auswärtige Amt warne vor Reisen dorthin, im ganzen Land seien gewaltsame Zusammenstöße zu befürchten. Von wegen Kindeswohl.

Ich werde von den Behörden beschuldigt, meine Tochter in die Illegalität zu treiben, weil ich sie nicht festnehmen lasse. Ein Bekannter hat mir geraten, immer eine Zahnbürste bei mir zu tragen – falls ich von der Polizei in Beugehaft genommen werde. Ich hätte mir nicht träumen lassen, jemals in so eine Situation zu geraten. Mein Vater auch nicht: Er hat bis zu seiner Pensionierung eine Polizeidienststelle geleitet.

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